Pulitzer Prize for Fiction 2001! 640 Seiten! Das lässt Großes erwarten. Amerikanische Prosa in ihrer besten Tradition: Eine epische Geschichte über Ziele und wie sie erreicht werden. Wo deutsche Autoren gerne seitenlang reflektieren, treiben ihre Kollegen aus Übersee die Handlung voran.
All das dachte ich, als ich dieses Buch zu lesen begann. Von Michael Chabon kannte ich bislang nur “The Mysteries of Pittsburgh”, diese charmanten Geschichte über einen letzten Sommer ohne Verpflichtungen. “The Amazing Adventures Of Kavalier & Clay” ist da von ganz anderem Kaliber. A Great American Novel.
Josef “Joe” Kavalier, ein malerisch begabter junger Jude aus Prag mit Ambitionen in der Entfesslungskunst flieht aus dem durch Nazis besetzten Tschechien von 1937. Er findet Unterschlupf bei seiner Tante in New York und freundet sich mit seinem Cousin Samuel “Sammy” Clay an. So froh er über seine Rettung ist, so fest hat er sich selbst vorgenommen, seine Familie, mindestens aber seinen Bruder Thomas, vor einem ungewissen Schicksal in Europa zu bewahren.
Sammy, ein devoter Comic-Fan, erkennt in Joe den perfekten Zeichner. In seiner Armut und körperlichen Unzulänglichkeit hat Sammy nur ein Ziel: Reich und berühmt zu werden. The American Dream. Zusammen mit Joe überzeugt er seine Chefs, Besitzer eines Verlages für Schundliteratur, dem Erfolg von “Superman” nachzueifern. Joe und er erfinden einen Superhelden und nennen ihn “The Escapist”: Einen beinlahmen jungen Mann, der sich für seine Heldentaten in ein schwarzes Kostüm wirft und die Unterdrückten dieser Welt befreit. In dessen Abenteuern führt Joe eine Art Stellvertreterkrieg gegen die deutschen Tyrannen. Er spart seine Tantiemen, um seine Familie so bald wie möglich aus den Händen von Hitlers Gehilfen zu befreien, und lässt sich erst Monate später durch die Reize einer jungen Frau namens Rosa ablenken. Doch auch wenn sie es vermag, ihm ein wenig die angenehmen Seiten des Lebens zu zeigen, verliert er seine Mission niemals aus den Augen - bis es zur Katastrophe kommt.
Als Leser steht man dieser Erzählung durchaus ambivalent gegenüber. Einerseits ist es eine phantastische Geschichte: Detailreich und vielschichtig, einfallsreich und überraschend. Dabei vermeidet Chabon meistens geschickt das Pathos und die hohe Moral. Er vermag es, seine Charaktere feiner zu zeichnen als nur in Schwarz-Weiß-Kontrasten und sprüht nur so von Ideen und Detailverliebtheit.
Genau dies ist allerdings auch sein Problem. Wie immer in historischen Romanen muss der Autor eine vergangene Welt wieder auferstehen lassen. Chabon tut das mit einem solchen Enthusiasmus, dass ihn seine Ambitionen bisweilen zu sehr hinreißen. Nicht selten läuft man Gefahr, sich in einem komplexen Gewirr aus Handlungssträngen und Szenenbeschreibungen zu verirren. Zudem tendiert Chabon im schlechten Sinne zur Wortgewalt. Dass ich bisweilen nicht folgen konnte, mag durchaus an meinem mangelhaften Englischvokalbular liegen (ich habe das Buch im Original gelesen), doch fragt man sich angesichts von zeilenlangen Schachtelsätzen, ob man auf geradem Weg nicht auch zum Ziel gekommen wäre. So wird man das Gefühl nicht los, dass man mindestens ein Drittel der Seiten hätte einsparen können und immer noch eine phantastische Geschichte hätte.
Chabon besitzt die Fähigkeit, die Handlung wirklich unvermittelt wenden zu lassen und der Roman bleibt angenehm frei von pathetischen “Noch-einmal-alles-gut-gegangen”-Szenen. An die Wand gestellt würde ich den Kauf den Buches empfehlen und nicht von seiner Lektüre abraten. Denn es ist nunmal eine verdammt gute Geschichte.