Monat: Februar 2003

Michael Chabon: The Admazing Adventures of Kavalier & Clay

Pulitzer Prize for Fiction 2001! 640 Seiten! Das lässt Großes erwarten. Amerikanische Prosa in ihrer besten Tradition: Eine epische Geschichte über Ziele und wie sie erreicht werden. Wo deutsche Autoren gerne seitenlang reflektieren, treiben ihre Kollegen aus Übersee die Handlung voran.

All das dachte ich, als ich dieses Buch zu lesen begann. Von Michael Chabon kannte ich bislang nur “The Mysteries of Pittsburgh”, diese charmanten Geschichte über einen letzten Sommer ohne Verpflichtungen. “The Amazing Adventures Of Kavalier & Clay” ist da von ganz anderem Kaliber. A Great American Novel.

Josef “Joe” Kavalier, ein malerisch begabter junger Jude aus Prag mit Ambitionen in der Entfesslungskunst flieht aus dem durch Nazis besetzten Tschechien von 1937. Er findet Unterschlupf bei seiner Tante in New York und freundet sich mit seinem Cousin Samuel “Sammy” Clay an. So froh er über seine Rettung ist, so fest hat er sich selbst vorgenommen, seine Familie, mindestens aber seinen Bruder Thomas, vor einem ungewissen Schicksal in Europa zu bewahren.

Sammy, ein devoter Comic-Fan, erkennt in Joe den perfekten Zeichner. In seiner Armut und körperlichen Unzulänglichkeit hat Sammy nur ein Ziel: Reich und berühmt zu werden. The American Dream. Zusammen mit Joe überzeugt er seine Chefs, Besitzer eines Verlages für Schundliteratur, dem Erfolg von “Superman” nachzueifern. Joe und er erfinden einen Superhelden und nennen ihn “The Escapist”: Einen beinlahmen jungen Mann, der sich für seine Heldentaten in ein schwarzes Kostüm wirft und die Unterdrückten dieser Welt befreit. In dessen Abenteuern führt Joe eine Art Stellvertreterkrieg gegen die deutschen Tyrannen. Er spart seine Tantiemen, um seine Familie so bald wie möglich aus den Händen von Hitlers Gehilfen zu befreien, und lässt sich erst Monate später durch die Reize einer jungen Frau namens Rosa ablenken. Doch auch wenn sie es vermag, ihm ein wenig die angenehmen Seiten des Lebens zu zeigen, verliert er seine Mission niemals aus den Augen - bis es zur Katastrophe kommt.

Als Leser steht man dieser Erzählung durchaus ambivalent gegenüber. Einerseits ist es eine phantastische Geschichte: Detailreich und vielschichtig, einfallsreich und überraschend. Dabei vermeidet Chabon meistens geschickt das Pathos und die hohe Moral. Er vermag es, seine Charaktere feiner zu zeichnen als nur in Schwarz-Weiß-Kontrasten und sprüht nur so von Ideen und Detailverliebtheit.

Genau dies ist allerdings auch sein Problem. Wie immer in historischen Romanen muss der Autor eine vergangene Welt wieder auferstehen lassen. Chabon tut das mit einem solchen Enthusiasmus, dass ihn seine Ambitionen bisweilen zu sehr hinreißen. Nicht selten läuft man Gefahr, sich in einem komplexen Gewirr aus Handlungssträngen und Szenenbeschreibungen zu verirren. Zudem tendiert Chabon im schlechten Sinne zur Wortgewalt. Dass ich bisweilen nicht folgen konnte, mag durchaus an meinem mangelhaften Englischvokalbular liegen (ich habe das Buch im Original gelesen), doch fragt man sich angesichts von zeilenlangen Schachtelsätzen, ob man auf geradem Weg nicht auch zum Ziel gekommen wäre. So wird man das Gefühl nicht los, dass man mindestens ein Drittel der Seiten hätte einsparen können und immer noch eine phantastische Geschichte hätte.

Chabon besitzt die Fähigkeit, die Handlung wirklich unvermittelt wenden zu lassen und der Roman bleibt angenehm frei von pathetischen “Noch-einmal-alles-gut-gegangen”-Szenen. An die Wand gestellt würde ich den Kauf den Buches empfehlen und nicht von seiner Lektüre abraten. Denn es ist nunmal eine verdammt gute Geschichte.

Ich muss nicht erwähnen, dass “Being John Malkovich” ein großartiger Film ist, oder?

Sigur Rós im Herkulessaal

Jetzt ist es soweit. Ich bin alt. Nicht nur dass das vielleicht achtzehnjährige Mädchen mich mit “Sie” anredete, als sie uns nach dem Weg fragte, auch schien sie äußerst erstaunt zu sein, dass wir zum selben Konzert wollten wie sie.

Dabei ist Sigur Rós ja keine Band zum Rebellieren. Ihr elegisch-symphonischer Zeitlupenrock bewegt sich auf der Grenzlinie zur populären Klassik. Enstprechend spielten sie auch nicht in irgend einer verrauchten Mehrzweckhalle, sondern im Herkulessaal der Residenz. Diese wirklich beeindruckende Herrschaftskulisse ist zwar eher pompös als wirklich schmuck, dafür aber umso ehrwürdiger.

Ich habe noch nie ein so stilles Publikum erlebt. Das letzte mal, als ich Sigur Rós live sah, spielten sie in einer kleinen Bar und mussten sich gegen ein trinkendes Publikum durchsetzten. Im Herkulessaal herrscht Ausschank- und Rauchverbot. Selbst die coolsten Rockfans lauschten andächtig.

Und wie wunderbar es klang! Nicht nur war die Akustik in diesem Saal, in dem normalerweise die Münchener Symphoniker spielen, unschlagbar, auch wussten die Isländer auf der Bühne, wie man mit eigentlich kleinsten Mitteln große Gefühle erzeugen kann. Denn im Gegensatz zu den Klassikern, die ansonsten hier aufgeführt werden, sind ihre Kompositionen nicht wirklich komplex. Ähnlich wie auch Godspeed You Black Emperor schrauben sie sich mit Wiederholungen immer höher, bis es schließlich zur Eruption kommt. Untermalt wurde das Ganze von einer phänomenalen Lightshow. Auf der Leinwand hinter der Band flackteren Bewegungscolagen, und Scheinwerfer warfen die Schatten der Musiker an die Marmorwände. Genenis könnten es vielleicht bombastischer und kitschiger, doch Sigur Rós hinterließ eindeutig mehr Tiefengefühl.

Sie spielten über zwei Stunden. Nach neunzig Minuten gab es einen kleinen Hänger, weil sie ein paar Lieder brachten, die nicht ihre üblichen Spannung entwickelten. Dafür war aber das Finale umso furioser. Nicht nur habe ich selten derart geballte Aufforderungen zur Zugabe gehört, auch hat mich das letzte Lied förmlich in den Sessel gedrückt. Alle sprangen anschließend auf von den Stühlen, und die Band bedankte sich sichtlich gerührt mit tiefen Verbeugungen. Auf die Leinwand projizierten sie das Wort “Takk”, was soviel heißt wie “Danke.”

Euch auch “Danke”, Sigur Rós.

Der gute Ton

Höflichkeit im Gespräch erfordert ein größeres Valkublar als Unhöflichkeit. Das merkt man insbesondere beim Erlernen einer Fremdsprache, wenn es einem leicht fällt, mit einem Begehren einfach heraus zu platzen, man aber nach Worten ringen muss, wenn man seine Frage weniger fordernd stellen will.

Bedeutet das aber auch, dass Menschen mit geringerer Bildung automatisch unhöflich sind? Bei oberflächlicher Betrachtung möchte man dem erst einmal zustimmen, doch wird keiner abstreiten wollen, dass solche Leute nicht auch freundlich sein können.

Höflichkeit ist also nicht gleichzusetzen mit Freundlichkeit?

Irgendwie habe ich das schon immer geahnt.

Prioritäten

Schlagzeile, aufgeschnappt im Vorübergehen: “Wichtiger als Fußball! Tausende bei Friedensdemo in Berlin!”

Videotheken

Wieso haben eigentlich sogar familienfreundliche Videotheken immer den Charme einer Wichskabine? Diese Neonröhren an der Decke, die verschlissene graue Auslegeware, die gelangweilt kaugummikauende Blondine an der Kasse, die billigen Metallregale – all das wirkt nicht gerade einladend. Sogar wenn die Videothek nicht ausschließlich Massenware anbietet, wird einem das Gefühl aufgedrängt, etwas Obszönes zu tun. Dabei ist doch nicht jeder Streifen nur dazu da, uns über den Abend zu retten, sondern will genauso genossen werden wie ein Buch.

Halbe Treppe

Heute habe ich versucht, mir den Film “Halbe Treppe” anzusehen. Vielleicht lag es daran, dass ich den ganzen Tag kaum etwas gegessen hatte, aber während ich da so im Kino saß, wurde mir furchtbar übel und schwindelig. Wenn ich die Augen schloss, wurde es ein bisschen besser, und ich bin mir fast sicher, dass es an den hektisch-wackeligen Kamerabewegungen lag. Ich glaube, ich war ein bisschen seekrank. Immerhin passiert mir dasselbe, wenn ich Leuten bei Computerspielen zuschaue. Ich bin vermutlich nicht gemacht für die Unterhaltung des 21. Jahrhunderts.

Gerne hätte ich an dieser Stelle den Film rezensiert, doch wie soll meine Meinung schon ausgefallen sein, wenn ich die ganze Zeit einen Brechreiz unterdrücken musste und kurz davor stand, den Kinosaal zu verlassen?

Nach einem anschließenden Asia-Imbiss ging’s dann wieder.

Ich auch einmal

Gut, heute ist Samstag. Aber es ist nicht zu spät, die Friday Five zu beantworten:

Explain why you started to journal/blog.
Ich bin bequem. Als ich anfing, meine Homepage ins Netz zu stellen, enthielt sie nur Rezensionen und Kurzgeschichten. Viel zu selten kamen neue hinzu, weil ich mich nicht dazu aufraffen konnte, meine müden Abende mit langen Texten zu verbringen. Allzu oft kamen mir aber kurze Ideen, machte ich Betrachtungen oder wollte eine Begeisterung mit der Internetgemeinde teilen. Doch einen HTML-Editor zu starten, einen Text zu verfassen, die Datei zu speichern, einen neuen Link einzufügen und das ganze per FTP hochzuladen, entsprach definitiv nicht meiner Veranlagung zur Faulheit. Ironischerweise lag es mir eher, ein paar PHP-Scripte zu schreiben, die mir das ganze abnehmen sollten. Als ich mit ihnen fertig war, stellte ich zweierlei fest: 1) Ich hatte ein Weblog und 2) Es gab fertige Software, die viel mehr konnte als meine Scripte. Also warf ich ich meine Eigenkreationen weg und ersetzte die durch Sunlog. Ein mehr oder weniger klassiches Weblog war geboren.

Do people you interact with day to day or family members know about your journal/blog? Why or why not?
Interessant eigentlich, dass diese Frage impliziert, dass man mit Familienmitglieder nicht jeden Tag zu tun hat – doch in meinen Falle stimmt das sogar. Bei ihnen weiß ich auch, dass sie definiv dieses Blog nicht lesen, weil sie sich wenig bis gar nicht im Internet bewegen. Von meinem Freunden wissen die meisten von diesem Blog, aber ob sie sich oft hierher verirren, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich fände es allzu selbstgefällig, sie danach zu fragen.

Do you have a theme for your journal/blog?
Nicht wirklich. Ich habe höchstens Vorstellungen davon, über was ich hier nicht schreiben möchte. Weder gehören meine tiefsten Empfindungen oder allzu private Erlebnisse hierher noch möchte ich die Leserschaft mit Alltagsgeschehen langweilen. Viel Raum nimmt meine Begeisterung für Musik und Bücher ein, aber auch Betrachtungen über Politik oder Zwischenmenschliches schlagen sich hier nieder.

What direction would you like to have your journal/blog go in over the next year?
Schlicht und ergreifend möchte ich weitermachen wie bisher und hoffe, dass noch mehr Leute mitlesen und meine Ansichten kommentieren.

Pimp five of your favorite journals/blogs
Die finden sich wieder in meiner kleinen Linksammlung

Stilles Haus

Da hat man Jahre lang allein gewohnt und gedacht, man braucht das auch irgendwie, bevor man jemand findet, für den man das aufgeben will und mit dem man von nun an das Dasein in Zweisamkeit verbringt.
Doch dann, wenn der andere einmal für ein paar Tage nicht da ist, horcht man in das Haus hinein, stellt die Musik lauter und schleicht unruhig von Zimmer zu Zimmer. Der schlimmste Moment ist der, in dem man die Wohnungstüre aufschließt, keine Begrüßung hört und schweigend die Tasche auf den Boden stellt.

Einfach, spanisch, lecker

Bevor dieses Tagebuch gänzlich in deprimierenden Betrachtungen zum polittischen Tagesgeschehen versinkt, sei an dieser Stelle ein kulinarischer Tipp vermerkt (mit Dank an M.): Jeder der seinen nächsten Spanienurlaub abseits mallorcinischer Touristenzentren verbringt, sollte seine Sprachkenntnisse zusammen klauben und in einer Charcuteria den nicht gerade billigen, aber dafür umso köstlicheren Jabugo-Schinken kaufen. Danach lohnt sich ein Abstecher in einen gewöhnlichen Supermarkt, um sich mit Dosen voller Beberechos (Herzmuscheln) einzudecken. Und möchte man einmal etwas anderes trinken als Chianti, so emfiehlt es sich unbedingt, einen guten Rioja oder Penedès mitzunehmen, da diese Weine hierzulande höllisch teuer sind.
Zu Hause angekommen öffnet man den Schinken, ebenso wie den Wein, mindestens eine Stunde vor Verzehr. Die Beberechos füllt man mitsamt der Flüsssigkeit in ein kleines Schälchen und würzt sie mit Zitronensaft und Pfeffer. Dazu serviert man eine Tortilla española. Die ist nicht zu verwechseln mit ihrem Namensvetter aus Mexiko, sondern wird wie ein Omelette zubereitet aus Eiern und ist gefüllt mit Zwiebeln und in Olivenöl gekochten Kartoffeln.
In diesem Sinne: ¡Buen provecho!

Spruch

Zitat von (mir) Unbekannt: “Die Ersten reden über Ideen, die Zweiten über Ereignisse und die Dritten über andere Leute.”

Die Sterne: “Irres Licht”

Von der Hamburger Schule redet ja schon lämger keiner mehr. Die Wut ist weg, und Protagonisten wie Tocotronic flüchten sich immer mehr in Künstlerpop. Mit letzteren verband Die Sterne eine ähnlich herbei geredete Konkurrenz wie zwischen Oasis und Blur. Dabei sind Tocotronic zwar als Achtungsgewinner hervor gegangen, aber ihr letztes Album machte allzu sehr den Eindruck, als hätten sie sich in ihrem eigenen Bildungsuniversum verlaufen.

Die Sterne, als angeblich ewige Zweite, haben dabei, so scheint es, die schwerste Zeit hinter sich. Nach “Posen” kam das durchaus gelungende Album “Von allen Gedanken schätze ich doch am meisten die Interessanten”, doch ihr letztes Album “Wo ist hier?” wirkte nur allzu bemüht. Sie trennten sich in der Folge von ihrem Keyboarder und heuerten Richard von der Schulenburg an.

Vielleicht liegt es an ihm, vielleicht aber auch an einer einkehrenden Gelassenheit in Angesicht des abfallenden Drucks - so wie ja auch Blur ihr bestes Album gemacht haben, nachdem Oasis eindeutig die Nummer Eins auf dem Podest erklommen hatten - jedenfalls hat “Irres Licht” nichts mehr von der gymnasialen Muffigkeit, die ihre letzten Alben manchmal umgab. Nicht nur die Texte kommen jetzt mit einem Augenzwinkern daher, auch die Musik wirkt wie wieder belebt.

Gleich die Eröffnugsnummer “Nur Flug” könnte glatt als Tanzbodenbrenner in Indie-Discos durchgehen, und mit “Hängen Hart” zitieren sie sich und ihr “Was hat dich bloß so ruiniert?” auf gekonnte Weise selbst. “Wahr ist was wahr ist” und “Ich bring euch beide um” fahren das Tempo zurück und ecken mit Ryhthmusstolperfallen an - zum Gefallen des Hörers.

Anders als beim Vorgänger bleibt hier mehr als ein Lied hängen, und die neue Unverkrampftheit in den Texten tut ihnen durchaus gut. Insofern haben sie mit diesem Album das erreicht, wonach ihre angeblichen Rivalen Tocotronic seit “Es ist egal aber” streben: Ein Album mit intelligenten Popsongs, das die Leichtigkeit nicht zu fürchten braucht.