Wie man lesen konnte, hat sich Peter Thiessen von Blumfeld gterennt, um sich mehr auf seine Band Kante konzentrieren zu können. Gut so. “Zweilicht” war besser als “Old Nobody”, und “Testament der Angst” kenne ich nicht. Vielleicht hat sich Herr Diestelmeyer zu sehr verzettelt. Thiessen spricht mehr mit Herzen als mit dem Kopf: “Wir leben / von einem Glauben / der unser Gegenwart / vorauseilt”. Ich warte auf eine neue Platte
Jürgen Albertsen
Monat: Januar 2003
Abwesenheitszustände
Was ist der Unterschied zwischen Müdigkeit und Alkohol? Macht beides nicht manches komplizierter, beruhigt uns aber so schön?
Hamburger ausgeschult
Noch einmal: Warum haben sie es mir angetan? Nach “K.O.O.K.” liefern sie mir dieses nicht schwarz-weiße, sondern graue Album. Vor zwei Jahren hatte ihre Schwarzes-Hemd-und-Hose-Attitüde noch etwas Ruhendes. Jetzt langweilen sie sich offensichtlich schon auf der Bühne. Oder ist das nur in München so? Zwei sehr gute Lieder (”Free Hospital”, “Neues vom Trickser”), zwei nette (”This Boy Is Tocotronic”, “Hi Freaks”), das war’s. Jungs, ihr seid nicht Pop. Fangt wieder an zu schreien!
Ich werde es trotzdem immer wieder von vorne hören…
Stephen King: “On Writing”
Als Teenager habe ich monatelang fast ausschließlich Stephen King gelesen. Ich denke, ich kenne jedes Buch bis “The Dark Half”. Ob ich aufhörte, weil die Bücher sich wiederholen oder weil sie schlechter wurden, weiß ich nicht genau. Nach wie vor denke ich aber, dass King aufgrund seiner Themen immer wieder zu Unrecht als Schundschreiber abgetan wird. Ich war ein Mystery-Fan damals, doch keinen der anderen Autoren würde ich jetzt mehr lesen wollen, denn sie alle haben nicht im Ansatz die Tiefe Kings.
King selbst hat sich längst mit einer Rolle abgefunden, ja, ist sogar zufrieden mit ihr. In “On Writing” versucht er, seine Motivation und seine Technik zu erklären. Es ist ein Buch über das Schreiben, aber auch über Kings Leben.
Im ersten Teil gibt er einen Abriss über seine Biografie: Schnappschüsse früher Erinnerungen, die alle zusammen erklären sollen, wie er zu dem wurde, was er heute ist. Er erzählt über seine ärmliche Kindheit, seine frühen Gehversuche, seine ersten Erfolge und seine Alkohol- und Drogensucht (die seinen Höhepunkt zu Zeiten von “The Dark Half” erreichte und ihn vielleicht in die Ideenlosigkeit trieb). Es sind keine Memoiren, sondern ein Beispiel für einen Entwicklungsprozess. Die grösste Lehre, die man ziehen kann, ist: Fange so früh wie möglich an! King selbst schrieb seine ersten Geschichten noch bevor er zehn wurde.
In den folgenden Teilen erklärt er uns das Rüstzeug eines Autoren. Wie immer macht er das anhand einer seiner unachahmlichen (wenn auch naheliegenden) Metaphern. Ein Schriftsteller brauche einen Werkzeugkasten, gefüllt mit Vokabular, Struktur und - vor allem - Disziplin. Die Ausführungen zur Sprache - Vermeidung von Adverben, Eleminierung des Passivs - sind naturgemäß auf die englische Sprache bezogen (darum umbedingt im Original lesen!). Doch vieles von dem lässt sich nicht nur ins Deutsche übertragen, sondern ist sogar allgemeingültig.
Natürlich sind alle Tipps nur auf Geschichtenerzähler bezogen. Experimentelle Prosa, größere innere Monologe, Drama oder Sachbücher gar haben hier keinen Platz. King ist ein Verfechter der Reduktion. Zwar sind seine Romane groß angelegt, aber er hasst jede Art von Geschwätzigkeit.
Kings Erzählweise zwischen Lakonie, Sentimentalität und Jargon machen selbst Ausflüge in die Grammatik lebendig. Dieses Talent kann man nicht erlernen. Die Beschreibungen seiner Alkoholkezesse, seines gefährlichen Autounfalls entbehren nicht seines typischen Humors und sind erstaunlich unprätentiös. Sie führen immer vor Augen, woher Inspiration und Kraft kommen kann. Letztlich lautet die Grundaussage: “Behalte dein Ziel im Auge. Üben, üben, üben. Schreibe jeden Tag und lese viel.”
Ernest Hemingway: “A Farewell To Arms”
Mr. Hemingway ist der Liebling aller Englisch-LK-Schüler. Er ist einfach zu lesen und dennoch ein Klassiker. Der Nobelpreis hat ihn geadelt. Solchermaßen kann der Gymnasiast ohne Angst vor Vokabelschwächen ein Referat planen, das mit Sicherheit die Zustimmung des Lehrers findet.
Natürlich vergällt einem solcherlei Zwang die Lust auf einen Autoren. Dabei gibt es beesere Gründe, Hemingway zu lesen als die Hoffnung auf gute Noten.
“A Farewell To Arms” erzählt die Geschichte eines jungen Amerikaners, der an der Seite der Italiener im 1. Weltkrieg seinen Dienst verrichtet (eine durchaus autobiographische Situation, denn Hemingway diente als Fahrer in derselben Zeit in derselben Gegend). Wir erleben die Tage der Langeweile, den ständigen Alkoholgenuss und die Unverlässlichkeit von Gerüchten. Der Ich-Erzähler reflektiert nicht, sondern versucht sich von Tag zu Tag zu bewegen, und trinkt, wann immer er Gefahr läuft, sich in Melancholie zu verlieren. Er verliebt sich in die Angebetete eines Freundes, der ihm bereitwillig das Feld räumt. Ihr Name ist Catherine. Sie ist eine englische Krankenschwester, die ihn anfangs als Trost über den Tod ihres Mannes benutzt. Doch dann gesteht sie ihm ihre Liebe, während der Erzähler noch nicht einmal weiß, ob er mehr will als nur Sex. Erst an der Front spürt er seine Sehnsucht nach ihr. Er wird verletzt und in ein Krankenhaus nach Mailand überführt. Catherine ist dorthin versetzt worden, und sie erleben Wochen voller Leichtigkeit, Liebe und Wein. Der Erzähler läßt sich Wehrmut-Flaschen aufs Zimmer bringen und wird schließlich erwischt. Man bezichtet ihn, absichtlich einen Leberschaden herbei führen zu wollen und sendet ihn ohne Erholungsurlaub zurück an die Front. Ab jetzt beginnt die Tragik. In dem Wissen, dass Catherine schwanger ist, fühlt der Erzähler sich immer mehr als Außenseiter dieses Krieges. Schließlich kollabieren sämtliche Strukturen, und er findet sich auf der Flucht wieder. Ihn interessiert nicht, dass er als Deserteur gesucht wird, sondern wünscht sich nur noch in die Nähe seiner Chatherine.
Hemingway ist bekannt für seine Männlichkeitverherrlichung. Das mag ein Grund für seine reduzierte Sprache sein. Seitenweise erfahren wir fast nichts von den Gefühlen des Erzählers. Simple Sätze erklären uns die Sachverhalte, Dialoge bleiben unkommentiert. Doch ab und an lässt der Erzähler es zu, dass wir von seiner Zerrissenheit erfahren. Diese selten Momente der Gefühlsklarheit sind viel eindrucksvoller als hundert Absätze eines inneren Monologs. Es ist: spannend, ergreifend und tragisch. Keine Anklage, keine Analyse - sondern eine fesselnde Geschichte.
Mitteleuropareise nach Krakau
Die Feiertage verbrachten wir nicht nur zu Hause bei meiner Mutter in Schobüll, sondern auch bei Freunden in Krakau. Die ganze Reise bewältigten wir im Zug, weil ein Dreiecksflug unerschwinglich ist.
In dem Liegwagen zwischen Berlin und Krakau erzählte uns ein sehr wissensstolzer und redseliger Professor, dass Polen ja viel eher das Zentrum Europas sei als dessen Osten. Fürwahr, zieht man einen Kreis um Warschau herum, so wird dies ganz deutlich.
Krakau selbst ist wunderbar. Zwar wiederholte unsere Freundin immer wieder “It’s more beautiful in summer”, doch auch im abwechselnd eiskalten und regnerischen Winter erstrahlen die Häuser in einem gelben Licht und sind die Straßen gefüllt mit Kauf- und Vergnügungslustigen. Anders als fast überall in Deutschland stirbt die Innenstadt dort nicht aus, denn neben Boutiquen und Bücherläden reihen sich Cafés und Kneipen. Überhaupt drängt sich alles in der Altstadt. Ohne Mühe hat man sie in zwanzig Minuten durchschritten. Es ist unmöglich, sich zu verlaufen. Den Kern umgibt ein ringförmiger Park, der - man hätte es sich denken können - im Sommer von Stundenten und anderen Müßiggängern besiedelt ist.
Die Kneipen und Bars befinden sich größtenteils unter der Straße in alten Kellergewölben. Das riecht zwar manchmal feucht, ist aber immer gemütlich. In Krakau scheinen alle Etablissements als Labyrinth angelegt. Man betritt den ersten Raum und denkt sich: “Nicht sehr groß”. Doch nach einem Durchgang folgt ein zweiter Raum, danach ein dritter und so weiter. Nach einigen Bieren (das übrigens ganz und gar köstlich ist) kann der Gang von der Toilette zurück durchaus einmal in Orientierungsverlust enden.
Ich denke, dass man hier in München die Bars auch unterirdisch ansiedeln sollte. Dann gäbe es vielleicht weniger von diesen idotischen Nachbarbeschwerden.
Die Besichtigung des KZ Auschwitz’ hat mich nicht so sehr bewegt wie der Besuch einer Synagoge im jüdischen Viertel Kazimierz. Warum? Zwar hat man versucht, diese abstrakte Zahl der Opfer begreiflich zu machen, indem man uns zeigte, mit welcher perfiden Effizienz das Töten fabrikähnlich organisiert und alles Eigentum der Toten - sogar die Haare! - wiederverwendet wurde; doch hat mir persönlich das Studium von Büchern - von Einzelschicksalen - das Grauen näher gebracht. In der Synagoge hingegen konnte ich fühlen, was wirklich verloren gegangen ist: Ein ganzes Stück Kultur. In Deutschland sind nur noch wizige Enklaven jüdischen Lebens übrig geblieben, ausgerottet zusammen mit politisch Unbequemen und Rassenwahnopfern. Angesichts dessen, aber auch in Anbetracht der Verbitterung der Polen, deren Bevölkerung man zur Lebensraumgewinnung ausrotten wollte, deren Leiden aber im Schatten der Judenverfolgung so wenig Beachtung findet - angesichts dessen ist diese ganze Schlussstrichdebatte mehr als bizarr. Niemand verlangt von einem Dreißigjähigen, dass er sich entschuldigt. Alle haben mich wärmstens behandelt - freundlicher als viele meiner Landsleute Ausländer ohne Deutschkenntnisse empfangen. Ausländer, deren Volk uns nicht hat versucht auszurotten.
Überhaupt sind die Menschen dort auf so angenehme Weise gastfreundlich. Man redet im Zug miteinander, ohne sich aufzudrängen. Überall sieht man Paare, die sich immer wieder kurz küssen und über die Wange streicheln. Fast alle sind hilfsbereit, ohne etwas zu erwarten. Spricht man als Reisender nicht Polnisch, so gibt der Pole sich alle Mühe, sich mit Englisch, Deutsch oder der Körpersprache zu verständigen. Unwilliges Schweigen und Achselzucken habe ich dabei nicht erlebt.
Wir kommen sicher zurück - ob Sommer oder nicht.