Monat: Januar 2003

Konsalik

Weil ich Rechtschreibung, Grammatik, Stil und vor allem Interpunktion besser als meine Kollegen zu beherrschen scheine, hat man heute zu mir gesagt: “Oh, wir haben einen Konsalik hier.” Ich denke, das war als Lob gemeint.

Internetvertrauen

Angesichts der Tiefen des Internets, ist es verwunderlich, wenn man immer wieder auf denselben Seiten seine Runden dreht. Heißt das: Letztendlich gibt es doch so wenig Gutes? Oder ist es wie im richtigen Leben: Nur wenigen Dingen und Personen schenkt man soviel Vertrauen, dass man immer wieder zu ihnen zurürckkehrt.

Spanisch

In ein paar Tagen geht’s los. Sechs Monate wird er in Spanien bleiben und das immer enger werdende Deutschland hinter sich lassen. Vorbereitet hat er sich gut: Seit Wochen liest er “Spanisch in 30 Tagen”. Als er vor kurzem schon einmal ein paar Tage dort unten war, hat er noch nichts verstanden, aber er ist sich sicher: Mit den 2000 Wörtern, die er bis dann gelernt haben wird, klappt das schon. Er kann alles auswendig. Mit seiner Freundin aus Spanien spricht er zwar immer noch Englisch, aber das geht auch nicht anders, denn er hat sie ja auf Englisch kennen gelernt. Da kann man nicht einfach so die Sprache wechseln.

Fahrplankindheit

Als ich aufs Gymnasium kam, musste ich jeden Schultag nach Husum fahren. Es war nicht so weit von meinem Dorf, Schobüll, aber als Zehnjähriger wollten meine Eltern mich nicht die wenigen Kilometer mit Fahrrad fahren lassen – und ich war schüchtern genug, um froh darüber zu sein. Also stieg ich zusammen mit all den anderen Kindern jeden morgen in den Bus. Ich war noch zu jung und gehorsam, um meine Hausaufgaben erst morgens schnell auf dem Schulweg zu machen, und so verbrachte ich die zwanzig Minuten bis zur Schule damit, diese neue Situation zu ergründen. Natürlich war ich eins ums andere Mal aus unserem Dorf heraus gekommen – auch wenn meine Eltern nie viel reisten. Doch jetzt bewältigte ich diese kurze Reise allein, dieses Erlebnis gehörte mir.
Nach kurzer Zeit begann ich mich für die Fahrpläne zu interessieren. Ich weiß nicht, wie es anfing und eigentlich entspricht es überhaupt nicht meinem Naturell, von soviel Planung fasziniert zu sein. Doch wir hatten zu Hause diesen Netzfahrplan, der natürlich nur ein paar Seiten umfasste, denn in Husum gab es ja gerade einmal vier Buslinien. Ich studierte ihn und tauchte ab in die Welt der Haltestellenabfolgen. Ich lernte, dass die Fahrer am ZOB und an der Endstation eine kurze Pause machten. Ich kannte einige von ihnen mit Namen, aber ich wollte nicht wirklich mit ihnen in Kontakt treten – im Gegensatz zu manchen der Mädchen, die sich kichernd hinter den Fahrersitz stellten und über ihren Schulalltag plauderten. Heute denke ich, wie geduldig diese Männer noch gewesen sein mussten – oder wie gelangweilt, so dass ihnen selbst diese kleine Abwechslung willkommen war.
Irgendwann fand ich einen Schichtplan für die Fahrer. Ich hob ihn auf, lernte ihn fast auswendig und konnte dadurch den täglichen Ablauf noch besser verstehen. Vielleicht war es das: Ich wollte etwas Selbstverständliches ergründen und erfahren, was dahinter steckte. In meiner kindlichen Fantasie begann ich sogar, mir Stadtpläne auszudenken und in ihnen imaginäre Buslinien einzuzeichnen. Es waren immer vier, genauso wie in Husum. Ich stellte Fahrpläne auf, und manchmal nahm ich meinen Spielzeugbus und stellte mir vor, er würde in dieser erdachten Stadt seine Runden drehen.
Natürlich gab ich all das irgendwann ebenso auf wie meine Beschäftigung mit Lego oder Playmobil. Meine Eltern waren sicher froh, dass ich nicht zu irgendeinem Zeitpunkt Busfahrer werden wollte – so wie der eine Junge auf unserer Nachbarschaft, der tagelang an der Straße stand und vorbeifahrende LKW bestaunte. Er ist heute Kraftfahrer und von seiner Frau getrennt, weil sie ihn während der langen Wochen seiner Abwesenheit betrogen hat.
Nach wie vor finde ich Landkarten und Stadtpläne faszinierend. Wenn ich in den Urlaub fahre, kaufe ich mir immer die passende Karte, obwohl man ja gerade in Europa sich eigentlich anhand von Schildern fast überall zurecht findet. Meine Liebe zu Fahrplänen ist erloschen – weder kann ich mir die Tramabfahrtzeiten merken noch bin ich dazu in der Lage, mich selbst nach Zeitvorgaben zu richten: Allzu oft komme ich zu spät, zu früh oder muss von meiner Freundin daran erinnert werden, dass ich einen Termin habe.
Dennoch wüsste ich manchmal gerne, was von meinen Fantasieausflügen von damals übrig geblieben ist. Nach dem Bus-Intermezzo habe mich immer wieder in verschiedensten Gedankenwelten verloren, aber das waren immer – ganz klassisch – Bücher, Musik oder Filme. Niemals wieder verfiel ich etwas so Profanem wie ausgerechnet Busfahrplänen (sieht man vielleicht einmal von Computern ab).
Und doch wurzelt etwas von meiner Persönlichkeit in diesen eigentlich lächerlichen Stunden, in denen ich mir vorstellte, eine Busflotte zu dirigieren. Ich wüsste nur gerne was.

Marion Gräfin Dönhoff: Was mir wichtig war

Marion Gräfin Dönhoff, 1909 auf Schloss Friedrichstein in Ostpreußen geboren, starb am 11. März 2002. Sie war Herausgeberin der Wochenzeitung “Die Zeit”, Journalistin und immer eine engagierte Frau. Dieses Buch versammelt letzte Gespräche, die sie mit ihren Kollegen geführt hat, Reden, Zeit-Artikel und Ausschnitte aus ihren Büchern.

Wir lernen hier Frau Dönhoff als streitbare Denkerin kennen, die sich der Menschlichkeit verpflichtet hat. Unseren Vorstellung vom Adel zuwiderlaufend hatte sie ein tiefes Gerechtigkeitsempfinden, das sie, gepaart mit ihrem profunden Geschichtskenntnissen, einbrachte, wenn sie sich gegen allzu freimütigen Wirtschaftsliberalismus stemmte. Insbesondere in diesen Zeiten, in denen abstürzende Jungreiche entdecken, welchen Wert ihre Arbeitskraft wirklich hat, ist es wichtig, solchen Stimmen zuzuhören. Dabei agierte sie niemals ideologisch, sondern immer aus ihrer eignen Erfahrung heraus.

Ihre Geschichte hat ihre tiefen Wurzeln in der preußischen Kultur. Immer ist sie bemüht das offensichtlich schlechte Bild dieses alten deutschen Staates ins rechte Licht zu rücken. Das ist gut, inbesondere für uns Nachwachsende, die das Preußentum allenfalls aus bayerischen Schimpfwörtern kennen. So erfährt der Unbedarfte, wo einige unsere Ursprünge liegen und was durch Hitlers Gewaltregime an Erstrebenswertem verloren gegangen ist.

Die Bedeutung des Titels - “Was mir wichtig war” - wird insbesondere deutlich, wenn man die Reden liest. Eines ums andere Mal erleutert die Gräfin ihre Anliegen - “Zvilisiert den Kapitalismus” ist nicht nur der Titel eines ihrer Bücher, sondern auch ihre zentrale Forderung. Doch durch allzu wortgkleiche Wiederholungen entsteht ein leicht schaler Beigeschmack. Ganz offensichtlich war geplant, die Gespräche mit Frau Dönhoff zum einzigen Inhalt des Buches zu machen. Dazu sollte es leider nicht mehr kommen. Sie starb vor der Fertigstellung. Doch auch wenn man bisweilen den Eindruck gewinnt, man habe die verbliebenen Seiten mit anderem Material aufgefüllt, so bieten diese ausgewählten Texte doch einen guten Überblick über ihre Gedankenwelt und animieren den Neuling, das eine oder andere ihrer Bücher zu lesen.

Michael Moore: Stupid White Men

Auf Amerika rumzuhacken, ist in Mode gekommen. Umso schöner ist es, jemandem zuzuhören, der etwas zu sagen hat. Im Prinzip stellt Moore in diesem Buch dieselbe Frage wie in Bowling For Columbine”: Wie konnte es mit dieser Nation nur so weit kommen?

Dieses Buch sollte genau am 11. September 2001 ausgeliefert werden. Moore selbst wollte in dieser Situation nicht auf Lesereise gehen und bat seinen Verleger, die Auslieferung um ein paar Wochen zu verschieben. Doch nach einundhalb Monaten wollte man plötzlich von einer Veröffentlichung nichts mehr wissen. Das Buch passe nicht mehr in die aktuelle Stimmung. Es sei unamerikanisch.

Erst der wütende Aufschrei von Bibliothekaren und anderen Intellektuellen brachte seinen Verleger dazu, seine Meinung zu ändern. Der Imageschaden durch diese Protestaktion war größer als durch den Inhalt des Buchs.

Doch wovon handelt es? Im Kern erzählt es von der staatsstreichähnlichen Machtübernahme durch George W. Bush und seinen Financiers. Es entwirrt das Geflecht von Seilschaften, die die Riege im weißen Haus mit den reichsten Männern Amerikas verbindet. Und es erklärt uns, wieso ein Privatflugzeug Angehörige von Osama Bin Laden außer Landes brachte, als nach dem WTC-Angriff absolutes Flugverbot herrschte.

Es zeigt uns, warum der schwarze Mann nicht böse ist, die Demokraten keine Alternative bieten und was amerikanische Jugendliche nicht lernen. Schlechte Entschuldigungen für den Zustand der Nation eben.

Dabei macht Moore immer wieder Gebrauch von seinem Brachialhumor, der uns schon in seinem Film so sehr zum Lachen gebracht hat. Diesmal funktioniert es allerdings nicht immer. Zusehr versucht es Moore mit der Holzhammermethode. Es ist, als wolle er um jeden Preis vermeiden, uns mit allzu trockenen Fakten zu langweilen. Dabei hat uns schon “No Logo” gezeigt, wie gut man Systemkritik, Ernsthaftigkeit mit Subjektivität verknüpfen und dabei sogar unterhalten kann.

Moores Ausführungen sind immer interessant und aufschlussreich. Allzu reißerische Revolutionsaufforderungen hätte er sich ruhig sparen können. Diese Ideen kommen uns schon von ganz allein

Ein Abend

Sie sitzen nebeneinander, zu nahe. Sie schenken einander immer wieder ein. Er hat seinen Ellenbogen auf die Sofalehne gelegt. Sie denkt an ihren verreisten Freund. Er denkt an seine verreiste Freundin. Sie könnten sich küssen, wenn sie wollten. Sie könnten es wirklich. Sie überlegen, was sie zu verlieren haben. Sie überlegen, was sie zu gewinnen haben. Sie hören auf ihr Herz.

Console, Alte Kongresshalle

Gestern abend begab ich mich aufs Console-Konzert. Der Veranstaltungsort, die Alte Kongresshalle auf der Münchner Theresienhöhe, hatte diesen netten Charme eines Vortragsraums aus den 70ern. Nachdem in München sich Anwohner beschweren, macht ein Club nach dem anderen zu. Glücklicherweise lassen sich die Betreiber nicht ganz entmutigen und finden immer wieder neue Räume. Konzerte in letzter Zeit finden in Hallen statt, in denen ich noch nie gewesen bin.
Als ich Console schon einmal gesehen habe, vor drei Jahren oder so in der Bongo Bar, rockten sie das Haus. Sie schüttelten ihre Instrumente und waren so offensichtlich begeistert über jedes gelungene Sample. Gestern hingegen standen wir zu weit entfernt, um das Grinsen auf ihren Gesichtern zu lesen. Statt dessen bewunderten wir animierte Playmobil-Männchen auf Projektionsleinwänden. Das Publikum diesmal war deutlich hipper als die Indie-Slacker beim letzten mal. Gut gelaunte und bestens trainierte junge Frauen hüpften auf die Bühne und tanzten wild und animierend. Dennoch war es langweiliger als auf Platte. Lag’s an der verschnupften Sängerin? Oder daran dass Computerbands nur Spaß machen, wenn man ihren aus drei Metern Entfernung zuschauen kann?

Ian Rankin: The Falls

John Rebus, Polizeiinspektor im schottischen Edinburgh, ist ein Einzelgänger, liebt dunkle Pubs, in denen Männer den ganzen Tag wortkarg an der Bar verbringen, und löst seine Fälle gerne ohne Rücksicht auf Dienstvorschriften. So weit klingt das wie so viele andere Krimihelden, und doch schafft es Ian Rankin, diesem Stereotyp eines Ermittlers etwas Einzigartiges einzuhauchen - nicht zuletzt, weil Rebus eben doch kein einsamer Privatdetektiv ist, sondern letztendlich angewiesen ist auf den Polizeiapparat und seine Kollegen.

“The Falls” ist seit 1987 der 14. Roman der Rebus-Serie. Für mich war es der erste.

Die reiche und verwöhnte Stundentin Phillipa verschwindet. Jeder verdächtigt ihren Freund David - denn alle wissen zu berichten, dass sie sich gerade im Streit getrennt haben. Dazu passt aber so gar nicht, dass Phillipa in einem Internet-Rollenspiel verwickelt zu sein schien und dass nur Tage nach dem ihrem Verschwinden ein Mini-Sarg mit einer Puppe nahe dem Anwesen ihrer Eltern auftaucht.

Rebus teilt sich die Arbeit mir seiner Kollegin Siobhan - nicht zuletzt weil Computer und Internet für ihn schwarze Magie sind. Er übernimmt folgerichtig die Sarg-Spur und muss sich erst einmal gegen seine Vorgesetzte durchsetzen, die nicht so recht glauben will, dass es da einen Zusammenhang gibt. Doch Rebus findet heraus, dass immer wieder Särge aufgetaucht sind, kurz nachdem eine Person verschwunden ist oder gar ermordet wurde. Während Siobhan sich immer weiter in Phillipas Rollenspielwelt verstrickt, taucht Rebus ab in ein düsteres Kapitel der Edinburgher Geschichte.

Überhaupt nimmt die Stadt einen großen Raum in der Erzählung ein, ja, ist fast einer der Protagonisten. Rankin zeigt uns, dass Charaktere immer auch ihre Umgebung widerspiegeln.

Anders als vielleicht Henning Mankell - dessen Kommissar ja auch mit Selbstzweifeln und Einsamkeit zu kämpfen hat - erzählt Rankin bedächtigt und gerade in der ersten Hälfte des Buches langsam. Er legt wert auf Details und bietet dem Leser dadurch mehr als nur Krimigenuss. Aber er weiß durchaus zu fesseln, so dass der Leser gerade am Schluss das Buch nicht mehr wegzulegen vermag und er sich in einer ganz klassischen, aber nicht minder interessanten Jagd auf einen Verdächtigten wieder findet.

Insgesamt sei dieses Buch sowohl Krimifans als auch einfach nur Freunden guter Geschichten wärmstens empfohlen - auch oder gerade weil am Ende noch ein paar Fragen offen bleiben.

Manual Vázquez Montalbán: Die Rose von Alexandria

Weil meine Freundin aus Barcelona kommt, habe ich zu dieser Stadt eine ganz besondere Beziehung. Doch wer könnte diese Stadt nicht lieben? Lebendig, malerisch, laut, majestätisch, schmutzig, historisch, modern. Wenn man ein wenig in die eigentliche Seele der Stadt hinein schnuppern konnte, die verborgen ist in Ecken, die noch niemand fotografiert hat, dann ist es ganz besonders interessant, ein Buch zu lesen, das so intim von den Befindlichkeiten dieser Metropole berichtet.

“Die Rose von Alexandria” ist ein Roman aus der Reihe um den Privatdetektiv Pepe Carvalho: Zynisch, zärtlich, ein Gourmet und sicher nicht verrückt nach Arbeit fühlt er sich dennoch verantwortlich für seinen Assistenten Biskuter und seine Freundin Charo, die Nutte. Diese ist es dann auch, die ihn zu diesem neuen Fall führt. Die Schwester ihrer Cousine Mariquita wurde zerstückelt in den Bergen hinter der Stadt gefunden. Sie stammte aus Andalusien und hatte reich in der Mancha geheiratet. Pünktlich alle drei Monate wurde sie krank und besuchte Ärzte in Barcelona, nicht jedoch ihre Verwandten. Warum? Und was hat der neunmal kluge Autodidakt damit zu tun, der zusammen mit Charo und Mariquita bei Carvalho auftaucht?

Wie alle Carvalho-Romane geht es hier nicht in erster Linie um die Ermittlung des Täters. Vielmehr nimmt Montalbán den Leser an die Hand und führt ihn durch die Stadt und durch das Land und zeigt ihm die Menschen mit ihren Geschichten. Wir erfahren, wie sie zu dem wurden, was sie sind, und ob und was es mit der Historie und der Gesellschaft des wechselhaften Spaniens zu tun hat. Montalbáns Wortgewalt ist bezaubernd, aber niemals süßlich. Vielmehr rettet uns das Lakonische in Carvalho vor allzu großer Gefühlseligkeit.

Am Ende hat der Detektiv noch nicht einmal den Fall gelöst. Der Mörder steht schon dreißig Seiten vor dem Schluss fest. Ein Krimi ist das eigentlich nicht, sondern einfach nur eine gute Geschichte mit Charakteren, die einem am Ende fehlen.

Freiheit und Gleichheit

In dem Buch “Was mir wichtig war”, bestehend aus Texten von Marion Gräfin Dönhoff, findet man den schönen Satz: “Freiheit und Gleichheit sind unvereinbar.” Und wirklich: Alle rufen nach weniger Staat. Doch was passiert, wenn wir den schlechteren Beispielen aus Amerika folgen? Wären wir glücklicher, wenn sich “Leistung wieder lohnt”? In Russland regieren Leute, die am schnellsten die Freiheit für sich ausgenutzt haben – also die Skrupellosen. Wollen wir das auch?
Dass etwas passieren muss, wissen wir. Doch ist es wirklich wahr, dass wir keinen Kündigunsschutz mehr brauchen, kein Arbeitslosengeld und schon gar keinen Tarifvertrag? Arbeit ist schließlich genug da, wir müssten sie nur nicht den Ausländern überlassen?
Wir brauchen die Kilmaerwärmung. Je heißer es ist, desto langsamer sind die Menschen. Und diese Schnelligkeit nimmt uns das Denken. Wir wollen wieder genießen.

Blickrichtungen

Er bemüht sich, geradeaus zu sehen. Ignoranz wirkt selbstbewusst. Das Mädchen ihm gegenüber hat so schöne Lippen, so ein feines Kinn, so glatte, klare Wangen. Immer wieder, aus den Augenwinkeln, erhascht er einen Blick. Wenn sie ihren Kopf dreht, schnellen seine Augen zurück. Aus dem Fenster schauen, aus dem Fenster schauen! Andere Menschen nicht beobachten - das ist Überlegenheit. Er braucht euch alle nicht. Nur manchmal diesen schnellen Moment aus ihrem Gesicht lesen. Schaut sie ihn an, wenn er sich abgewendet hat?

S-Bahn-Argumente

Ich wäre so gerne Fahrkartenkontrolleur. Dann würden mich hübsche Mädchen anlächeln und sagen: “Ich weiß gar nicht, wie das passieren konnte. Ich muss wohl meine Monatskarte vergessen haben. Aber hier, sehen Sie, meine BahnCard! Gilt die nicht auch?”

“Stop me if you think you’ve heard this one before”

Da spielt der Zufallsgenerator The Smiths, und ich erinnere mich. Sie war eine Austauschschülerin aus Quebec, Kanada, und ich dachte, ich wäre in sie verliebt. Sie schätzte Morrissey über alles und schenkte mir das Buch “In His Own Words”. Ich kaufte mir alle seine Platten, hörte genau hin und befand zum ersten Mal: Diese Lieder sind für dich mehr als nur Musik. Hier versteht jemand die Welt genauso wie du.
Das war mir noch nie passiert.
Wir wurden nie ein Paar, sondern blieben gute Freunde. Natürlich versprachen wir einander, uns zu schreiben. Ich ging arbeiten, um Geld zu verdienen, mit dem ich sie hätte besuchen können.
Ich lernte ein Mädchen kennen. Haben wir deshalb aufgehört, uns zu schreiben? Wer hat zuerst nicht geantwortet? Wenn man noch jung ist, geht man leichtfertig mit Freundschaften um und denkt, es kommen ja noch soviele andere. Wenn man älter wird, erkennt man, dass man sich immer noch mit Leuten am besten versteht, die man traf, bevor man zwanzig wurde.
Sollte ich versuchen, an ihre alte Adresse zu schreiben? Nostalgie ist gefährlich, weil sie Erwartungen schürt. Ich denke, ich werde lieber weiter diese Lieder hören und mir wünschen, jemals wieder von der Musik so verstanden zu werden.

Der Bruch

Das Glas ist zu dünn.
Und ihre Finger tragen Ringe.