Dies ist ganz offensichtlich ein autobiografische Geschichte. Der Ich-Erzähler heißt Hans P. und wohnt in München, am Gärtnerplatz. Erzählt wird sein Leben und insbesondere der große Anteil, den sein Geliebter Volker daran hatte. Beide lernten sich in der südlichsten und damals noch wichtigsten Großstadt Deutschland kennen und lieben. Die Studentenrevolte war abgeklungen und glitt in den Schwabinger Hedonismus über. Hans war der Niedersächsischen Provinz entflohen, ohne sie unbedingt zu verachten. Volker hatte Münchner Proteste gestaltet und Kunst verkauft, nachdem er den Absturz seiner Familie in Düsseldorf nicht länger ertragen konnte.
Die Bewunderung Hans’ gegenüber Volker ist der rote Faden. Gleich am Anfang wissen wir, dass Volker nicht mehr lebt. Der Roman ist Hommage, Selbstreflexion und Gesellschaftsbild in einem.
Warum unsichtbar? Volker ist tot, ein Partner für Selbstgespräche. Aber auch zu Lebzeiten hat er bewegt und ist nicht berühmt geworden. Seine Romantrilogie fand keinen Verlerger, und doch hat Volker Hans’ Erfolge keineswegs beneidet. Volkers Bestrebungen für Kunst am Rande des eigenen Ruins zerstörten niemals seine Würde. Im Gegenteil: Gezeichnet von AIDS und Krebs gewann er an Größe hinzu.
Dieses Bild des Dahingeschiedenen ist keineswegs verklärt, aber dennoch eine Liebeserklärung. Ganz nebenbei wird die jüngste Geschichte Deutschlands gezeichnet und ein Portrait von München entworfen. Dabei beweist Pleschinski mehr als einmal scherbenscharfe Beobachtungsgabe: “Vor den nächtlichen Fernsehbildern, vom Fall der Berliner Mauer [...], der Freunde, dem Staunen einer meiner Reflexe: nun ist es um München, um die selbsternannte heimliche Hauptstadt geschehen.”
All dies erzählt er mit einer Mischung aus Wortgewalt und Leichtigkeit, deren Mangel er Volker bisweilen vorwirft. In den kalten Künstler-Ästhetizismus, den wir von David Hockney auf dem Umschlagbild gemalt sehen, bringt er viel Wärme und Witz. Er plädiert für einen Gegenentwurf zur karrieregetriebenen Aktieneuphorie, deren Zukunfsentwurf ja längst gescheitert ist. Der Genuss und die Bohème leben jedoch weiter.
Jürgen Albertsen
Monat: Dezember 2002
Hans Pleschinski: “Bildnis eines Unsichtbaren”
Bowling for Columbine
Von außen betrachtet gibt es über die USA momentan wohl wenig Positives zu sagen. Hetzerischer Patriotismus, Verhaftung bei Verdacht, nur schlecht verhehlte Ölmachtsansprüche. Übersetzt man “un-american” mit undeutsch, so erschaudern auch Leute, die so gerne einen Schlussstrich ziehen wollen.
Aus tausenden Kilometern Entfernung lässt sich dabei auch gerne vergessen, dass vielleicht nicht alle Amerikaner Army-Fans sind. Michael Moore zum Beispiel. Auf den ersten Blick ein typischer USA-Bürger: Fett, geschmacklose Kleidung, Baseballkappe. Seit einiger Zeit geistert er anarchisch durch die Medien und packt seine Mitbürger bei ihrer empfindlichsten Stelle: Ihrer Ernsthaftigkeit.
“Bowling for Columbine” ist seine Doku-Kollage über den Waffenwahn. Interviews, Erzählungen, TV-Schnipsel, Cartoons kreisen um das Littleton-Massaker. Moore versucht zu klären, warum US-Amerikaner sich gegenseitig erschießen und die Bürger anderer Staaten nicht. In Kanada gibt es genauso viel Waffen, aber nur ein Bruchteil soviel Morde. Deutschland hat eine noch blutigere Geschichte, jedoch weniger Gewalttote. Moores Erkenntnis ist letztendlich so einfach wie einleuchtend: Wo Angst geschürt und Leistung gefordert wird, aber niemand zuhört, explodiert der Zorn. Die Tragödie in Erfurt zeigt, dass es trotz besserer Waffengesetze jetzt auch bei uns so weit ist. Nicht umsonst läuft man vor allem in den Vorstädten Amok.
Nach dem 11. September 2001 - der in dem Film auch kurz gestreift wird - ist die USA schnell wieder als Täter wahrgenommen worden. Sie rufen uns zu: “Warum kritisiert ihr uns? Wir sind doch angegriffen worden!” Moore schlägt das Establishment mit seinen eigenen Waffen: Vereinfachung, Deutlichkeit und große Gesten. Dabei ist das nie pathetisch, sondern oft lustig und nicht geschmacklos. Dass der Film unterhält und uns amüsiert, ist Moore hoch anzurechnen. Letztendlich kann Wahnsinn eigentlich ja nur belächelt werden.
Oasis aufs Maul
Als Britpop noch jung und streitbar war, entschied ich mich im Zweifelsfall eher für Blur. Heute fühle mich durch den Coolness-Bonus von Damon Albarn bestätigt. Als dann aber einer meiner Kollegen frage, ob ich nicht Interesse an einer übrig gebliebenen Karte für Oasis hätte, sagte ich nicht Nein. Eine gute Show würde es immer werden.
Doch nicht auf der Bühne, wie sich zeigte.
Das Konzert sollte im Zenith statt finden, dieser hässlichen und betonglatten Mehrzweckhalle im Norden Münchens. Als wir in Freimann aus der U-Bahn ausstiegen, warteten viel zu viele Leute auf die Bahn zurück in die Innenstadt. Leute auf der entgegen kommenden Rolltreppe raunten uns zu: “Abgesagt!” Nachdem ebenso viele Leute von der Halle zurück- wie hinströmten, begann ich es zu glauben. Hundert Meter vor dem Ziel hörten wir die Polizeidurchsage: “Oasis sind in einer körperlichen Auseinandersetzung verwickelt worden und haben verloren. Darum musste das Konzert leider abgesagt werden.” Soviel trockenen Humor hätte ich bayrischen Staatsdienern gar nicht zugetraut.
Wir trafen uns an der Halle mit Freunden. Einer von ihnen kam aus London und war extra wegen des Gigs angereist. Er nahm es erstaunlich gelassen. Echte Oasis-Fans leben ständig mit der Gefahr der Absage. Er werde sie nächste Woche in London sehen. Oder?
Neben der Straße fanden sich schon Haufen mit Pflastersteinen. Überall Polizei. Sicher waren einige Fans mehrere hundert Kilometer gefahren. Man stand in kleinen Grüppchen und diskutierte, wo man jetzt sein Bier trinken sollte. Steine warf letztendlich niemand.
Der Grund der Absage war dann wirklich spektakulär und mit klassichen Zutaten gespickt: Bayrischer Hof, Alkohol, Streit, Schlägerei und der Verlust von Kauwerkzeugen. Vielleicht wollen sie nie wieder nach München kommen — oder gerade jetzt, weil immer was los ist. Jetzt habe ich mehr Lust, sie zu sehen. Im Januar ist angeblich der Ersatztermin. Mal sehen, was dann passiert.