Matthew Weiner hat als Drehbuchschreiber bei den Sopranos mitgearbeitet. Als die Serie ausgelaufen war, hat er ein altes Skript aus seiner Schublade rausgekramt und es HBO angeboten. Doch die lehnten ab. Da ging er dann zu AMC, und die freuen sich jetzt: Denn anscheinend wird Mad Men nicht nur mit Preisen überhäuft, sondern ist noch dazu beliebt beim Publikum (was ja nicht immer eingehergeht).
Mad Men spielt Anfang der Sechziger in New York. Wir folgen dem Treiben in einer Werbeangentur auf der Madison Avenue. Für die Männer ist die Welt noch in Ordnung. Die Sekretärinnen sind dekorative Mäuschen, deren Vorstellung von Karriere sich darin beschränkt, mit einem möglichst hohen Tier aus der Firma eine Affäre anzufangen. Die Frauen dieser Männer sitzen dann brav in den Vorstädten und versorgen die Kinder. Dass die Männer nicht nur länger im Büro bleiben, sondern nach der Arbeit gerne auch ausgiebig Bars besuchen, haben die Ehefrauen hinzunehmen. Und wenn sie etwas von den Affären ahnen, so schweigen sie. Zumindest jetzt noch.
Hauptfigur der Serie ist Don Draper, Art Director von Sterling Cooper. Einerseits ist er der typische Vertreter der Alpha-Männchen von damals. Erfolgreich, mächtig, aber nicht ruchlos. Obwohl auch er seine Affären hat, behandelt er die Frauen nicht wie Fleisch, ist immer Gentleman. Andererseits aber zeigt sich in ihm nicht nur die Verlogenheit der Zeit damals, sondern auch die Risse, die die heile Welt allmählich bekommt. Seiner Frau ist es nicht mehr genug, sich den ganzen Tag nur um die Kinder zu kümmern und abends mit dem Essen auf ihn zu warten. Seine Geliebte in der Stadt ist in der Künstlerszene zu Hause, in der wir schon Ansätze der späteren Protestbewegung erkennen, und vielleicht ist sie ihm deshalb nicht ganz so ergeben, wie Draper es gerne hätte.
Was Draper aber am meisten zerreißt, ist sein Geheimnis. Er ist nicht der, der er vorgibt zu sein, er trug früher einen anderen Namen, und irgend etwas hat es mit dem Krieg zu tun. Draper hat panische Angst, dass dieses Geheimnis gelüftet werden könnte, dabei wäre das vielleicht gar nicht so schlimm, wäre all das gar nicht so wichtig. Und so zeigt uns seine Angst, wie sehr er in den Vorstellungen von Mannesstärke gefangen ist, die die damalige Zeit noch so prägten. Alles muss perfekt sein, es darf keine Schwäche geben und niemals gegeben haben.
Und dann ist da noch das Rauchen. Jeder tut es, die Männer die Frauen, und sie tun es immer und überall. In den Bars natürlich, im Büro, direkt nach dem Aufwachen, noch im Bett liegend, im Wohnzimmer sowieso, auch in unmittelbarer Nähe von Säuglingen. Aber auch hier zeigen sich die ersten Brüche. Zum ersten Mal werden Stimmen laut, die andeuten, dass das Rauchen Krebs erregen könnte. Noch werden diese Stimmen ignoriert, aber eie gewisse Unbehaglichkeit macht sich breit. Ist endloser Genuss etwa nicht reuelos? Insofern ist das Rauchen auch ein Symbol für die Umwälzungen, die da auf die wohlgebettete oberere Mittelschicht zukommt.
Diese Serie macht eigentlich alles richtig: Vielschichtige, glaubhafte Charaktere, großartige Dialoge, logische Wendungen, die nicht mit dem Huch-Effekt daherkommen, sondern sich langsam abzeigen und dann unausweichlich sind. Auch die Produktion ist vom feinsten. Es ist zu lesen, dass jede Folge mehrere Millionen Dollar kostet. Weiner hat sich von der Bildersprache Hitchcocks inspirieren lassen, und so sehen wir die Leute in dieser fast schon unterhühlt anmutenden Atomosphäre agieren und ihre schmutzigen Geschäfte tätigen.
Es ist also eine gute Nachricht, dass diese Serie gut ankommt. So wird es hoffentlich noch mehr als nur diese erste Staffel geben. Und vielleicht kommt sie sogar nach Deutschland — wenn sicher auch wieder nur im Nachtprogramm von VOX oder so.